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Sep 18

Drazan weiß, was seiner Mannschaft gerade gelungen ist

Drazan weiß, was Rapid gerade gelungen ist

Eifrig spekulierten sie, die deutschen Medienvertreter. Der Umzug ins Ernst-Happel-Stadion sei ein Nachteil, die Stimmung werde aufgrund der Laufbahn einem Geisterspiel gleichen.

Doch sie alle sollten eines Besseren belehrt werden. Der Rahmen, den die 49 500 Zuschauer beim Europa-League-Duell zwischen SK Rapid Wien und dem HSV boten, er hätte auch Ernst Happel gefallen. “Der Happel hätte Rapid die Daumen gedrückt“, meinte Peter Pacult bei der Pressekonferenz vor dem Spiel. Logische Schlussfolgerung: Der “Wödmasta“ hätte gejubelt an jenem geschichtsträchtigen Abend, an dem seine Rapid dem Tabellenführer der deutschen Bundesliga das Fürchten lehrte. Kugelblitz lässt den 3:0-Erfolg im Spielfilm Revue passieren:

17:21 Uhr: Die Spieler des HSV betreten kurz das Spielfeld. Pfiffe vom noch dünn besiedelten Block West begleiten die Bundesliga-Stars bei der Rasenbesichtigung.

18:27 Uhr: Bruno Labbadia beordert seine Elf zum Aufwärmtraining. Auch der mittlerweile dichter gefüllte Rapid-Block wärmt sich auf und verdeutlicht den Gästen, dass sie sich bei einem Auswärtsspiel befinden.

18:31 Uhr: Hier kommt Rapid! Der Lärm-Pegel im Happel-Stadion steigt erstmals ins Unermessliche, als die Hütteldorfer mit den Aufwärmübungen beginnen. Gänsehaut-Stimmung macht sich auf den Rängen breit. Helge Payer wird von den Fans mit frenetischem Jubel empfangen, als er einen Ball von der Laufbahn holt. Auf der Pressetribüne geraten die deutschen Kollegen ins Staunen. Soviel zum Thema Geisterspiel.

18:55 Uhr: Das Stadion ist mittlerweile restlos gefüllt. Die Spannung lässt Sekunden wie Stunden erscheinen, die Luft lässt sich in kleine Scheiben schneiden – eine einzigartige Atmosphäre. Die West präsentiert eine gelungene Choreographie. Rapid-Logo, Ultras-Logo, Wien-Wappen, ein grün-weißes Zettel-Meer und das Spruchband: “Wien regiert. Rapid marschiert. Ganz Europa wird paniert.“ Dieser Satz sollte später in abgeänderter Form auch den Spielbericht der Vereinshomepage verzieren.

19:00 Uhr: Der kroatische Schiedsrichter Ivan Bebek führt die Pfeife zum Mund. Anpfiff.

19:03 Uhr: Eines sticht sofort ins Auge. Heute schlägt die Stunde von Yasin Pehlivan. Der 20-Jährige rackert, läuft, stopft Löcher, spielt kluge Pässe. Unglaublich, wie abgeklärt dieser Junge mit der Erfahrung von 19 Bundesliga-Spielen und fünf Länderspiel-Einsätzen auf dem Platz agiert. Ein Schuss-Versuch des Youngsters wird von Nikica Jelavić gefährlich abgefälscht und landet im Außennetz.

19:05 Uhr: Ein gewöhnungsbedürftiges Bild geben die neu eingeführten Torrichter ab, die sich zeitweise bis fast auf Höhe der Strafraumgrenze ins Feld wagen.

19:12 Uhr: Der Rapid-Express kommt gegen die passiven Gäste, die zwar höhere Ballbesitz-Zeiten aufweisen, aber wenig Gefahr erzeugen, immer besser ins Rollen. Jelavić, der seine Rolle als Solospitze clever interpretiert, zwingt Frank Rost nach einem Alleingang zur ersten Parade.

19:13 Uhr: Piotr Trochowski, Spitzname “Trotsche“, beweist seine Balltechnik und schlägt das Leder per Drop Kick knapp am Gehäuse von Payer vorbei.

19:15 Uhr: Der Ball läuft schnell und gefällig durch die Linien der Hütteldorfer. Die Hausherren stellen ihre von Labbadia attestierte Spielstärke unter Beweis. Das Umschalten zwischen Defensive und Offensive funktioniert zumeist blitzschnell.

19:21 Uhr: Jelavić stellt die Nerven der Supporter auf eine harte Probe. Traumpass von Steffen Hofmann in die Schnittstelle der Abwehr, der Kroate überlistet klug die Abseitsfalle und steht plötzlich alleine vor Rost. Der ansonsten unglücklich agierende Jerome Boateng antizipiert als einziger die Situation und kratzt den Schuss von der Linie, nachdem der HSV-Goalie den Winkel geschickt verkürzt hatte.

19:26 Uhr: Auch der Puls der HSV-Anhänger steigt. Marcus Berg kann einen Stellungsfehler der Rapid-Hintermannschaft nicht ausnutzen. Der 10-Millionen-Mann schiebt die Kugel kläglich am langen Eck vorbei.

19:35 Uhr: Who the fuck is Cristiano Ronaldo? Hofmann zirkelt einen Freistoß vors Tor, der Ball wird immer länger, Pechvogel Boateng rasiert mit dem Kopf und das Stadion verwandelt sich endgültig in ein Tollhaus. Während Rost den Ball aus dem Netz fischt, fragen sich die Menschen in Vorarlberg, woher denn plötzlich dieser Lärm kommt.

19:44 Uhr: Veli Kavlak. Der 20-Jährige dribbelt Dennis Aogo Knoten in die Beine, macht zwei Schritte an der Torauslinie und spielt quer. Boateng fährt über das Spielgerät, Jelavić machts besser und versenkt den Ball aus kurzer Distanz. Der Torjubel bereitet einem Zuschauer einen Gehörsturz, der von den anwesenden Sanitätern umgehend mit Kortison behandelt wird. Mit 2:0 gehts in die Kabine.

19:50 Uhr: Die Stimmung auf der Pressetribüne ist ungewöhnlich enthusiastisch. Lediglich die deutschen Kollegen stehen betreten am Buffet oder machen verstohlen Handy-Cam-Bilder für die Familie zuhause.

20:01 Uhr: Der Auswärtsblock zündet eine Reihe bengalischer Fackeln. Das wird Innenministerin Fekter gar nicht gefallen.

20:02 Uhr: Das Publikum lechzt nach seinen grün-weißen Helden. Diese betreten unverändert das Spielfeld, Labbadia erlöst Boateng und Trochowski von ihrem Leid und schickt stattdessen Jonathan Pitroipa und Guy Demel in die Schlacht. Pitroipa darf sich am linken Flügel versuchen, der niederländische Jungstar Eljero Elia weicht auf die rechte Seite aus. Markus Katzer bekommt seinen neuen Gegenspieler etwas besser in den Griff als Stefan Kulovits in Hälfte eins. Alles in allem nützt der ehemalige Sturmkollege von Marko Arnautović den sich bietenden Raum jedoch viel zu wenig aus und enttäuscht wie der Rest seiner Kollegen.

20:15 Uhr: Die kluge Kontertaktik von Pacult beginnt sich auszuzahlen. Der HSV hat mehr Spielanteile, kommt gegen heroisch kämpfende Rapidler aber nicht durch die Abwehrreihen. “Wir haben einfach kein Mittel gefunden“, wird Labbadia später bei der Pressekonferenz nach dem Spiel sagen. Phantastisch, wie das Mittelfeld, angeführt von Pehlivan und Markus Heikkinen, nach hinten rückt. Phantastisch, wie jeder seinem Mitspieler hilft. Phantastisch, wie souverän Ragnvald Soma die Abwehr dirigiert und auch in brenzligen Situationen cool tackelt.

20:16 Uhr: Mladen Petrić lässt seine Klasse aufblitzen und schleicht sich geschickt vors Tor. Sein Kopfball nach Elia-Flanke segelt über die Querlatte.

20:20 Uhr: Jeder Ballkontakt der Rothosen wird mit einem gellenden Pfeifkonzert quittiert. Jubel, als Hofmann nach längerer HSV-Ballstafette den Ball zurückerobert. Pacult hält es nicht länger auf der Bank. Der Rapid-Trainer springt fuchsteufelswild an der Seitenlinie hin und her und brüllt lautstark Anweisungen aufs Feld.

20:30 Uhr: Der Moment, auf den auch die Deutschen gewartet haben. 17 Sekunden vor der 75. Spielminute erhebt sich jeder einzelne Zuschauer im Stadion. Ein Meer von Armen streckt sich klatschbereit in die Höhe. Drei, zwei, eins – die Rapid-Viertelstunde beginnt.

20:31 Uhr: Auch der eingewechselte Christopher Drazan hat das mitbekommen und führt den Auftrag der Fans beeindruckend aus. Rotzfrech düpiert der junge Flügelspieler den erfahrenen David Rozehnal. Während die meisten Betrachter noch händeringend ein Abspiel auf den völlig freien Kavlak fordern, detoniert die Granate im kurzen Eck. 3:0. Der Superlativ, um die Stimmung im Stadion zu beschreiben, muss erst erfunden werden.

20:35 Uhr: “Wer nicht hüpft, der ist aus Hamburg“, wie ein brodelnder Kochtopf springt die Menschenmasse auf und ab. Zeit für Oberkörper frei und Rapid-Lambada bleibt auch noch.

20:38 Uhr: Diesmal ist Rozehnal eingeweiht und stoppt Drazan in einer ähnlichen Situation wie kurz zuvor beim Gegentreffer.

20:41 Uhr: Auch Payer kommt auf seine Kosten. Zé Roberto, Hamburgs bester Mann, klopft mit einem satten Schuss an, Payer lässt sich nicht bezwingen.

20:42 Uhr: Der HSV hat erkannt, was die Stunde geschlagen hat. Obwohl Labbadia die Viererkette auflöst und die Mannschaft noch einmal nach vorne treiben will, schlagen seine Spieler die Bälle nur noch halbherzig in die gegnerische Hälfte. Der deutsche Tabellenführer erkennt die Stärke des Gegners und akzeptiert die Niederlage. Das schönste Kompliment des heutigen Abends.

20:46 Uhr: Schlusspfiff, Schalparade! Adrenalin, animalisch, Rapid. Jetzt noch den Überblick zu behalten, fällt jedem schwer. Die Rapid-Spieler lassen ihrem Jubel freien Lauf, der HSV trottet enttäuscht in die Kabine. Auf den Tribünen ist die Hölle los, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme und können die Bedeutung des Moments noch gar nicht realisieren.

21:10 Uhr: In der Mixed-Zone drängt sich eine Journalisten-Traube um Boateng und Trochowski, die sachlich das Spiel analysieren. “Wir wollen Rapid sehen“ skandiert derweil der verrückte grün-weiße Haufen im Happel-Oval. Und Rapid kommt. Geschlossen läuft die Mannschaft zur Kurve, Spieler und Fans würden sich am liebsten für den Rest des Abends nicht mehr voneinander trennen. Hofmann tackelt Andy Marek, hilft dem Klubservice-Leiter danach aber prustend vor Lachen wieder auf die Beine.

21:27 Uhr: Labbadia macht bei der Abschluss-Pressekonferenz einen angespannten Eindruck, lässt sich jedoch nicht zu einem Wutausbruch hinreißen. Im Inneren des 43-jährigen Darmstädters brodelt es gewaltig, schließlich muss er seine erste Niederlage als HSV-Coach verdauen.

21:31: Pacult teilt schelmisch grinsend einen Seitenhieb aus: “ Vorher hat man gesagt, die Österreicher können nur Ski fahren, Gott sei Dank haben wir das Gegenteil bewiesen. Der HSV ist ja ein leichter Gegner.“

21:40 Uhr: Im und außerhalb des Stadions geht die verrückte Party weiter. Resümee des Abends: This is Madness, this is Rapid Wien.

(Zusammenfassung auf Video)

written by Florian Tietze \\ tags: , , , , , , , , , , ,


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